Skip to main content

Full text of "Mörder Hoffnung der Frauen"

See other formats


-Xi. 


»?;>5S 


EXEMPLAR  215        [  ßj^  IHJ 


-u 


AC     ^''jf' 


•^^<^-^ 


Mörder  Hoffnung  der  Frauen 

OSKAR  KOKOSCHKA 


$^ 


VERLAG  DER  STURM /BERLINW9 


'  ""'fjM*^  hrk^'^<^ 


MEINEM  LIEBEN  FBEUND 

ADOLF  LOOS 

GEWIDMET 


GESCHRIEBEN   1907 


Mann 

Frau 

Männer  und  Weiber 

INI  achthimmel,  Turm  mit  grosser,  roter  eiserner  Käfig- 
tür; Fackeln  das  einzige  Licht,  schwarzer  Boden,  so  zum 
Turm  aufsteigend,  dass  alle  Figuren  relief  zu  sehen 
sind. 

Der  Mann: 

Weisses  Gesicht,  blaugepanzerl,  Stirntuch,  das  eine  Wunde 
bedeckt,  mit  der  Schar  der  Männer. 

Männer: 

Wilde  Köpfe,  graue  und  rote  Kopftücher,  weisse,  schwarze 
und  braune  Kleider,  Zeichen  auf  den  Kleidern,  nackte 
Beine,  hohe  Fackelstangen,  Schellen,  Getöse.  Sie  krie- 
chen herauf  mit  vorgestreckten  Stangen  und  Lichtern, 
versuchen  müde  und  unwillig  den  Abenteurer  zurück- 
zuhalten, reissen  sein  Pferd  nieder,  er  geht  vor,  sie  lösen 
den  Kreis  um  ihn,  während  sie  mit  langsamer  Steigerung 
aufschreien. 


Männer: 

„Wir  waren  das  flammende  Rad  um  ihn 
Wir  waren  das  flammende  Rad  um  dich, 
Bestürmer  verschlossener  Festungen!" 


Sie  gehen   zögernd  wieder  als  Kette  nach,  er  mit  dem 
Fackelträger  vor  sich,  geht  voran. 

Männer: 

„Führ  uns.  Blasser!" 


Während    sie   das    Pferd    niederreissen    wollen,    steigen 
Weiber  mit  der  Führerin  die  linke  Stiege  herauf. 

Frau: 

Rote  Kleider,  offene  gelbe  Haare,  gross 

laut 

„Mit    meinem  Atem    erflackert    die   blonde  Scheibe    der 

Sonne,  mein  Auge  sammelt  der  Männer  Frohlocken,  ihre 

stammelnde  Lust  kriecht  wie  eine  Bestie  um  mich." 

Weiber 

lösen  sich  von  ihr  los,  sehen  jetzt  den  Fremden 

Erstes  Mädchen : 

neugierig 

„Sein  Atem  saugt  sich  grüssend  der  Jungfrau"  an 


Erster  Mann: 

darauf  zu  den  seinen 

„Unser  Herr  kommt  wie  der  Tag,  der  im  Osten  aufgeht." 

Zweites  Mädchen: 

still  abgekehrt,  einfältig 

„Wie  wird  mit  Wonne  er  empfangen." 

Männer  und  Weiber  gehen  horchend  auf  der  ganzen 
Bühne  umher,  der  Mann  begegnet  die  Frau  vor  dem 
Tore. 


Frau : 

sieht  ihn  gebannt  an,  dann 

„Wer  war  der  Fremde,  der  mich  sah." 

Mädchen  drängen  sich  vor 

Erstes  Mädchen: 
zeigt  ihn,  schreit 

„Der  Schmerzensmutter  entsprang  der  Knabe,  mit  Schlan- 
gen um  die  Stirn  gestürzt." 

Zweites  Mädchen: 

lächelnd,  für  sich  gemeint 

„Untiefe  schwankt,  ob  sie  den  lieben  Gast  vertriebe." 


Der  Mann: 

erstaunt,  Zug  hält  an. 

„Was  sprach  der  Schatten!" 

Das  Gesicht  hebend  zur  Frau: 

„Sahst  Du  mich  an,  sah  ich  Dich?" 

Frau : 

fürchtend  und  verlangend 

„Wer  ist  der  fremde  Mann? 
Haltet  ihn  zurück." 

Erstes  Mädchen  gell  schreiend,  läuft  zurück: 

„Lasst  ihr  ihn  ein?     Der  wittert,  dass  wir  unbeschütztl 

Die  Festung  offen  stand?" 

Erster  Mann: 

zu  den  Mädchen: 

„Ihm  ist,  was  Luft  und  Wasser  theilt.  Haut  und  Feder, 

Schuppen   trägt,   haarig  und  nackt  Gespenst   gleich  Un- 

terthan." 

Zweites  Mädchen: 

„Mit  einer  Falte  weint  und  lacht  die  Goldgelockte. 
Jäger  fang  uns  schon!" 

Erster  Mann: 

zum  Mann 

„Ob   du    umarmst   Sie?    Wiehern   hetzt    die    Stute    irr, 

über  der  mit  Schenkeln  nachspornst!" 


Erstes  Mädchen: 

,,Unsre  Frau  ist  eingesponnen,  hat  noch  nicht   Gestalt 
erreicht." 


Zweites  Mädchen: 

Unsre  i 

Erde." 


Unsre  Frau  steigt  auf  und  sinkt  und  kommt  nie  auf  die 


Drittes  Mädchen: 

,, Unsere  Frau  ist  nackt  und  glatt  und  schliesset  nie  die 

Augen." 

Dritter  Mann: 

„An  Haken   hängt    sich    Fischlein.     Fischin    hakt    sich 

Fischer!" 

Zweiter  Mann: 

„Locken  fliegen,  das  Gesicht  befreit!    Die  Spinne  ist  aus 

dem  Netz  gestiegen." 

Der  Mann: 

zornig 

,,Wer  ist  sie?" 

Erster  Mann: 

,,Sie  scheint  dir  bange,  fang  sie.     Verfängt  doch  nur  die 

Angst. 

Bang  du,  was  du  dir  erfangst!" 

Mädchen  gleichzeitig  mit  den  Männern 


Erstes  Mädchen : 

„Frau,    lass    uns    fliehen.     Verlöscht    die    Leuchten   des 

Führers." 

Zweites  Mädchen: 

eignen  Sinnes 

„Herrin,  lass  mich  den  Tag  erwarten,  heiss  mich  nicht 

schlafen  gehn,  die  Unruh  in  den  Gliedern.  .  .  " 

Drittes  Mädchen: 

,,Er  soll  nicht  unser  Gast  sein,  unsere  Luft  atmen.   Lasst 

ihn  nicht  übernachten,  er  schreckt  uns  den  Schlaf." 

Männer  gehen  zögernd  näher,  Frauen  schaaren  sich  ängst- 
lich.    Die  Frau  geht  auf  den  Mann  zu,  unterwürfig. 

Ersles  Mädchen: 
,,Der  hat  keine  Lust  " 

Erster  Mann: 

„Die  hat  keine  Scham." 

Frau: 

,, Warum  bannst  du  mich,  Mann  mit  deinem  Blick,  fres- 
sendes Licht,  verwirrst  meine  Flamme,  verzehrendes 
Leben    kommt    über  mich,  Flammenende. 

Der  Mann: 

fährt  wütend  auf 

,,Ihr  Männer,  brennt  ihr  mein  Zeichen  mit  heissen  Eisen 

ins  rote  Fleisch." 


Kl 


Männer  führen  den  Befehl  aus.  Zuerst  Männer  uud  Weiber 
mit  den  Lichtern  um  sie,  raufend,  dann  der  Alte  mit  dem 
Eisen,  reisst  ihr  das  Kleid  auf  und  brandmarkt  sie. 

Frau : 

in  furchtbaren  Schmerzen  schreiend 

„Schlagt  die  Männer  zurück,  die  böse  Seuche." 

Sie  springt  mit  einem  Messer  auf  den  Mann  los  und 
schlägt  ihm  eine  Wunde  in  die  Seite.     Der  Mann  fällt. 

Männer: 

„Flieht  den  Besessenen,  erschlagt  den  Teufel.    Wehe  uns 

Unschuldigen! 

Verscharrt  den  Eroberer." 

Der  Mann: 

im  Fieber,  singend,  mit  blutender,  sichtbarer  Wunde 
,, Sinnlose    Begehr   von  Grauen    zu  Grauen,    unstillbares 
Kreisen  im  Leeren.     Gebären  ohne  Geburt,  Sonnensturz, 
wankender  Raum," 

Männer: 

„Wir  kennen  ihn  nicht,  verschon  uns.  Kommt,  ihr  hüb- 
schen Mädchen,  lasst  uns  Hochzeit  halten  auf  seinem 
Notbett." 

Mädchen: 

„Er  erschreckt  uns.    Euch  liebten  wir,  als  ihr  kamt." 
Legen  sich  zu  den  Männern  kosend  rechts  auf  den  Boden. 
Drei  Männer  machen  mit  Stricken  und  Aesten  eine  Bahre, 


sie  stellen  sie  mit  dem  sciiwach  sich  Bewegenden  in  den 
Turm  hinein.  Weiber  werfen  das  Tor  zu  und  ziehen 
sich  mit  den  Männern  zurück.  Der  erste  Mann  steht  auf 
und  sperrt  es  ab,  alles  dunkel,  leise  Licht  oben  im  Käfi<T 

Frau: 

jammernd,  rachgierig 
„Er  kann  nicht  leben,  nicht  sterben. 
Er  ist  ganz  weiss." 

Sie  schleicht  im  Kreise  um  den  Käfig.  Sie  kriecht  neu- 
gierig zum  Turm,  greift  gezwungen  nach  dem  Gitter, 
droht  mit  der  Faust. 

Frau  : 

„Macht  das  Tor  auf. 
Ich  muss  zu  ihm!" 
Rüttelt  verzweifelt. 

Männer  und  Weiber: 

die  sich  ergötzen,  im  Schatten  verwirrt 

„Was  wissen  wir  von  beiden.  Der  Streit  ist  unverständlich 

und  dauert  eine  Ewigkeit! 

Wir    haben    den  Schlüssel  verloren  —  wir   fmden    ihn 

nicht  —  hast   du   ihn?    sahst   du   ihn?    wir   sind  nicht 

schuldig,  wir  kennen  euch  nicht." 

Ziehen   sich  wieder  zurück.     Hahnenschrei,   es  leuchtet 
im  Hintergrund  auf 

F'rau : 

langt    mit    dem    Arm    durchs  Gilter    und    greift    in    die 

Wunde,  böswillig  hervor  gestossen 


,. Blasser!   Schrickst  du? 
Furcht  kennst  du. 
Schläfst  du  bloss?  Wachst  du. 
Hörst  du  mich?" 

Der  Mann: 

drinnen,  schwer  atmend,  hebt  mühsam  den  Kopf,  bewegt 

später  eine  Hand,  dann  zwei  Hände  auf,  immer  höher 

singend,  entrückend 

,,\Vind,  der  zieht 

Zeit  um  Zeit. 

Einsamkeit. 

Ruhe  und  Hunger  verwirren  mich. 

V'^orbeikreisende  Welten,  keine  Luft,  abendlang  wird  es.' 

Frau : 

mit  beginnender  Furcht 

„So  viel  Leben  fliesst  aus  der  Fuge. 

So  viel  Kraft  aus  dem  Tor, 

bleich  wie  eine  Leiche  ist  er." 

Schleicht  wieder  auf  die  Stiege  hinauf,  zitternd  am  Körper, 
wieder  laut  lachend. 

Der  Mann    ist    langsam    aufgestanden,    lehnt   am  Gitter, 
Stimme  wächst 

Frau : 

schwächer,  boshaft 

,,Ein  wildes  Tier  zähm  ich  im  Käfig  mir, 

bellt  dein  Gesang  vor  Hunger?" 


Der  Mann: 

)  I  I  '< 

Hahnenschrei. 

Frau: 

maulend 

„Du,  Leichnam,  stirbst  nicht?" 

Der  Mann: 

Richtet  sich  am  Gitter  in  die  Höhe. 

„Sonne  und  Mond,  Wesens    Lichte.     Atmend    wirrt    die 

Welt. 

Frau  verlor  mich  hier." 

Frau : 

liegt  ganz  auf  ihm,  getrennt  durch  das  Gitter,  auf  dem 

sie  sich  wie  eine  Spinne,  breit  in  der  Luft,  ankrallt. 

Frau : 

„Vergiss  mich  nicht." 

Mann : 

,,Roslgedanken  kleben  auf  die  Stirn." 

Frau: 

„Ich  bin  dein  Weib!" 

Mann: 

„Eine  Spanne  scheues  Licht !  !  !" 

PYau : 

,,Mann  schlaf  mir !  !  !" 


Mann : 

„Ruhe,  Ruhe,  Hure,  lass  .  .  mich  .  .  denken  .  .  " 

Frau:  .,...!!!" 

Mann: 

„Ich  fürchte!  !  !" 

Frau : 

,.Ich  will  dich  nicht  leben  lassen.  Du!  Du  schwächst 
mich. 

Ich  töte  dich  —  du  fesselst  mich  — 
dich  fing  ich  ein  —  und  du  hältst  mich  —  lass  los  von 
mir. 

Umklammerst  mich   —  wie  mit  eisernen  Ketten  —  er- 
drosselt —  los  — 
Hilfe. 
,,Ich  verlor  den  Schlüssel,  der  dich  festhielt." 

Lässt  das  Gilter,  w'älzt  sich  auf  der  Stiege  ein  veren- 
dendes Tier,  krampft  sich. 

Der  Mann  steht  ganz,  reisst  das  Tor  auf,  berührt  die  sich 
starr  Aufbäumende,  die  ganz  weiss  ist,  mit  den  Fingern 
der  ausgestreckten  Hand.  Spannen  des  Todes,  das  sich 
in  einem  langsam  abfallenden  Schrei  löst,  die  Frau  fällt 
um,  reisst  im  Fallen  die  Fackel  des  überraschten  An- 
führer um,  die  ausgeht  und  alles  in  einen  Funkenregen 
hüllt.  Der  Mann  steht  auf  der  obersten  Stufe,  Männer  und 
Weiber,  die  vor  ihm  fliehen  wollen,  laufen  ihm  schrei- 
end in  den  Weg. 


Männer  und  Frauen: 

„Der  Teufel! 

Bändigt  ihn. 

Rettet  euch,  rette  wer  kann  — 

verloren  — " 

Wie  Mücken  schlägt  er  sie. 
ganz  ferne  Hahnenschrei. 

Die  Flamme  greift  auf  den  Turm  über  und  reisst  ihn  von 
unten  nach  oben  auf.  Die  Mitte  der  zwei  Feuerseiten 
wird  eine  schwebende  Gasse,  in  die  morgendlich  eilt  der 
Mann.     Hahnenschrei  in  der  Nähe. 

ENDE 


GEDRUCKT   IN   DER   DRUCKEREI   FÜR   BIBLIOPHILEN   /   BERLIN   O  34 


r»-r:r_--; 


>^( 


cvk-